Ich sei alt genug, um erste Lektionen zu lernen, meinen die Pferdepfleger. Man steckt mich sozusagen in den Kindergarten
Begonnen hat es damit, als Mama wieder zur Arbeit musste. Sie hat sich richtiggehend gefreut, vor den Wagen gespannt zu werden. Das habe selbst ich bemerkt. Mir war zwar etwas unheimlich zu Mute, als Viktor mit dem Geschirr zu uns in die Boxe kam. "Was soll denn das?", dachte ich. "Sonst werden die anderen eingekleidet und nicht Mama." Und dann kam sie, die erste Schulstunde. Mama wurde zur Boxe rausgenommen und mich liess man einfach drinnen. Alleine! Erst dachte ich, dass man mich schon noch holen werde.
Als ich hörte, wie Pferde weggingen, begann ich herzzerreissend zu wiehern: "Mama, wo bist Du? Mamaaa." Kollege Fredy rief mir aus seiner Boxe zu, ich solle Geduld haben. Lange könne sie ja nicht fortbleiben. Und überhaupt würde ihm das Fohlengeschrei schon ein wenig auf den Wecker gehen. Also riss ich mich zusammen und wartete gottergeben auf Mamas Rückkehr. Ich habe schnell gelernt und wiehere jetzt nicht mehr Zeter und Mordio, wenn ich alleine in der Boxe warten muss. Die nächste Lektion ging folgendermassen. Pferdepfleger Peter zog mir das Halfter an und führte mich zum Stall hinaus. Neben der Stalltüre band er mich an einem Eisenring an. Ich knabberte ein wenig am lockeren Seil herum und wartete auf Mama. Nichts geschah. Sie kam nicht zu mir. Ich hörte, wie drinnen Quinto genüsslich Heu frass und Pouliche vermutlich die letzten Haferkörner mahlte. Peter wischte die beiden Stallgänge und guckte hie und da hinaus. Mir ging plötzlich ein Licht auf. "Aha, der will mich testen." Ich stand wie eine Eins. Kehrte mich ein wenig nach links, dann wieder nach rechts. Dabei gab ich keinen Mucks von mir. Fast wäre ich eingedöst. Ich erschrak nämlich, als Peter mir einen Klaps auf die Kruppe gab und sagte: "Gut gemacht, Kleiner, Du hast soeben die erste halbe Stunde angebunden überstanden. Wirst mal ein gutes Wagenpferd, das warten kann." Super, meinen Sie nicht auch?